Stillstand am See

Seit Tagen schon empfand Schöngrund den grauen Herbst als feuchtschwere Watte auf seinem Gemüt. Er hatte gehofft, der Anblick von Kunst würde ihn vielleicht aufwecken, doch er als sich nun zwischen all den Leuten auf der Vernissage durchschob, merkte er, dass sein Plan nicht aufging. Er fand keinen Zugang zu den grellen Gemälden. Und auch die Gesichter der Gäste blieben seinen müden Sinnen verschlossen. Er ging wieder.  (mehr …)

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Lustmord mit Meerschweinchen

Mauser und Felzhagen können die Sauerei schon auf dem Flur riechen. Als sie die Wohnung betreten, wird der Gestank unerträglich.

„Eine Messi-Wohnung!“, stöhnt Mauser.

Auf einem zugemüllten Zebrafell liegt die Frauenleiche. Sie ist nur mit einem T-Shirt bekleidet. Es ist hochgerutscht bis über ihren Nabel. Auf ihrem Bauch und auf ihren Oberschenkeln zeichnen sich blaue Hämatome ab und im Gesicht hat sie rot verkrustete Schnitte, die vom Kinn aus über die Wangen laufen und dann unter einem zusammengerollten Geschirrtuch verschwinden, mit dem ihre Augen verbunden sind. Auch auf ihrer Vagina sind Schnitte.  (mehr …)

Zu betörendes Edelweiß

Verkatert geht er zu dem Porsche mit dem Nummernschild „K MP 1985“, öffnet den Kofferraum und holt einen Benzinkanister raus. Seine Studienzeit kommt ihm in den Sinn, Semiotik, Peirce und der ganze Scheiß. Sein Wagen ist ein „Index“, ein Anzeichen für seinen Erfolg. Die Verbindung ist kausal. Man sieht seinen Porsche und schließt auf seinen Erfolg, so wie man Rauch sieht und auf Feuer schließt. (mehr …)

Reite die Spermawelle gut, Leichtmatrose!

Ich träumte, dass mich ein Mann umschlungen hielt. Er hatte Matrosenarme mit dicken schwarzen Haaren bis runter auf seine kräftigen Hände. Mit ihnen streichelte er mich am ganzen Körper. Ich ließ mich fallen und tauchte ein in eine warme, grüne See. Als ich wach wurde, war ich fast ein wenig enttäuscht, neben Anna zu liegen und ihrem warmen Körper mit all seiner aufnehmenden Weichheit. (mehr …)

Schöngrund

Schöngrund liegt erschöpft auf dem Bett. Es riecht nach Schweiß, Rauch und Sperma. Er weiß nicht, ob er dabei ist, sich aufzugeben, oder gerade erst angefangen hat, sich zu erschaffen. Er weiß es wirklich nicht, aber er ist darum bemüht, sich diese Frage gar nicht zu stellen. (mehr …)

Rock ’n‘ Roll Queen

Etwa eine Woche nach diesem Besuch bei Steffi, es war die letzte Woche vor Weihnachten, liefen wir uns im Hundertmeister über den Weg. Das Lokal nannte sich selbst „Kulturzentrale“ und war in Duisburg eine kleine Institution. Um Acht war ich dort mit Chris verabredet, er wollte vorher noch mit dem Betreiber über die Ausrichtung eines Konzertes sprechen. Ich betrat den Schankraum gegen zehn nach, sah ihn aber nicht. Also setzte ich mich an die Bar und bestellte mir ein „KöPi“.  (mehr …)

Jupp

Günther und ich hatten das Gelände des Jugendzentrums kaum betreten und begonnen, die Arbeiten des Tages zu besprechen, da bekamen wir Gesellschaft. Zwei Männer in grauen Hosen kamen über den Hof getrottet. Der eine war Mitte Vierzig, groß und hager, der andere Ende Fünfzig und von untersetzter Statur. Sie grüßten uns und verzogen sich dann in den Keller. Nach ein paar Minuten tauchten sie wieder auf. (mehr …)

A Coffe-Table Book About Coffee-Tables

Hektor zieht an seiner John Player, tippt sein Pseudonym in das Eingabefeld auf dem Bildschirm und fordert das System auf, ihm seine E-Mails anzuzeigen. Ist noch etwas von Belang dabei? Er überfliegt die Betreffzeilen und liest: „Kurzgeschichtenwettbewerb“ Was ist das? Er klickt auf die blauen Buchstaben und scannt die Nachricht: Thema „Metamorphose“, Abgabedatum in knapp drei Wochen.  (mehr …)

Versuch, einen Wolf zu treffen

Er stapft an der brüchigen Scheune vorbei zum Weiher, die Kälte brennt auf seinen Wangen. Durch die matte Eisdecke betrachtet er die Fische, wie sie langsam durch das helle Grau gleiten. Am Rand trägt sie schon, aber in der Mitte ist sie noch dünn. Da weht der Wind das Heulen des Wolfes zu ihm herüber. Es fröstelt ihn. Schon seit Tagen hören sie es. Er schaut zum Wald und überlegt. Dann macht er sich auf.  (mehr …)

Lose Yourself

Kurz vor dem Aussteigen wechselte ich zu „HipHop“. Der Opener der Liste war „Lose Yourself“. Noch mit dem gemächlichen Klavierintro glitt der Zug aufs Gleis und ich hinaus, auf den Treppen setzte dann der treibende Beat ein. Automatisch straffte sich mein Körper und ich legte einen Schritt zu.  (mehr …)

You Can’t Always Get What You Want (The Rolling Stones)

Am Morgen war im Hotel eine Frau von außerordentlicher Kindlichkeit. Ihr Gesicht war weich und glatt und offen. Er musste sie mehrmals anschauen, bis ihm klarwurde, dass sie ihn an jemanden erinnerte. Er war einst sehr verliebt gewesen in ein Mädchen, das ihr glich. Auch sie hatte ausgesehen wie ein unschuldiger Morgen. Aber damals war er zu plump gewesen. Heute war er zu überrascht.  (mehr …)

Gläsernes Refugium

Es ist 11:30 Uhr, Dienstag, ein Werktag. Ich schaue auf von dem Sudoku, das ich seit einer dreiviertel Stunde zu lösen versuche. Es fehlen mir noch ein paar Ziffern, heute ist es schwierig. Ich sitze weder in einer Warthalle, noch in einem Zug, und auch nicht auf einer Hotelterrasse. Ich sitze im Küchenbereich einer psychiatrischen Klinik.  (mehr …)

Vision

Das Ende meines Studiums liegt nun über ein Jahr zurück, das 30. Lebensjahr rückt Stück für Stück näher und mit jedem Monat liest sich mein Lebenslauf ein kleines bisschen armseliger. Wenn es so weitergeht, bin ich spätestens mit 45 ein sogenannter „Verlierer“. Aber wie wird das sein?  (mehr …)